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Was ich (als Weiße) zur aktuellen Sprachdebatte sagen kann

Lange habe ich mich davor gescheut, hieraus wirklich einen Blogbeitrag zu machen, doch das Thema, ob man alte Wörter aus dem Sprachgebrauch entfernen sollte, auch nachträglich, wird gerade immer wichtiger. Also möchte ich doch mal eine Geschichte erzählen, die vielleicht etwas Verständnis bringt …

Vorweg sei gesagt: Ich bin weiß, von Natur aus blond bis braunhaarig, blauäugig, Deutsch, hetero, cis, aus gebildetem Hause. Bis auf die Tatsache, dass ich eine Frau bin, kann ich also keine Diskriminierung erfahren. Daher kann ich auch keine Meinung dazu abgeben, ob Wörter wie Zigeunersoße oder Negerkuss durch neue, bessere, nicht-beleidigende Begriffe ersetzt werden sollen? Doch kann ich, ich kann mich für die Betroffenen mit einsetzen und sagen: Weg damit!

Der Wandel schadet keinem, macht die Welt nur ein kleines bisschen besser, weil weniger diskriminierend. Dennoch sollten auch mehr Betroffene zu Wort kommen und nicht immer in den Talk Shows, Kolumnen etc. dazu übergangen werden! Wann begreift die Medienlandschaft das? Der Postillon hat schön geschrieben: „Nächste Woche unterhalten wir uns mit einer Runde aus Männern über Geburtsschmerzen.“
Ach ja… herrlich.

In der Schulzeit habe ich etwas erlebt, durch das die Problematik vielleicht etwas besser verständlich für nicht-Betroffene wird.

Ich weiß nicht mehr genau, wie alt wir waren. Es müsste mit etwa 13 Jahren gewesen sein, gaben mir zwei „Freundinnen“ den Spitznamen „Essie“. Offiziell war es damit begründet, dass mein Name Sarah mit S anfängt und wir uns nun alle mit diesen Anfangsbuchstaben in verniedlichter Form anreden. Eine Freundin namens Monika wurde demnach Emmie genannt [Name geändert, Anfangsbuchstabe stimmt].

Später sagten sie mir aber, bei mir würde der Name besonders gut passen. Es sei nämlich auch eine Abwandlung des Wortes „es“. Also ein Neutrum. Da ich ja weder richtig Junge noch richtig Mädchen wäre, würde das super zu mir passen.

Im Sommer 2008 war ich mit dem WWF klettern – it was awesome!

Der Grund dafür war simple: Ich war zu dem Zeitpunkt kein „typisches“ Mädchen, das Lippenstift, bauchfreie Tops und die ach so süßen Jungs aus dem Jahrgang in dem Sinne vergötterte, wie meine Klassenkameradinnen es taten. Statt Wendy und Bravo las ich National Geographic, probierte es mal mit Fußball (hat nicht funktioniert xD) und liebte es, im Chor zu singen (was wiederum eher ein weibliches Hobby ist, aber gut). Auch körperlich kam ich etwas später in die Pubertät. Ironischerweise fühlte ich mich aber erwachsener als die anderen, da ich ihre pubertären Albernheiten nicht nachempfinden konnte und die schlimmste Phase einfach „übersprungen“ habe. Als bei mir die Hormone kamen, war ich im Kopf schon weiter als die anderen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Der Spitzname wurde als harmlos dargestellt, so als ob wir alle nach dem gleichen Prinzip benannt wurden, doch gleichzeitig wurde mir offen ins Gesicht gesagt, dass er bei mir noch eine weitere Bedeutung hatte, die mich abwertete. Denn auch wenn wir inzwischen dafür kämpfen, dass mehr geschlechtsneutrale Begriffe genutzt werden, ist das letzte, was ein 13-jähriges cis-gender-Mädchen will: Als Neutrum oder geschlechtsloser Gegenstand bezeichnet zu werden.

Eine weitere Freundin (und diese Freundschaft ist echt und hat sich bis heute gehalten <3) wusste nichts von dieser zweiten Bedeutung und hat mich wirklich nur wegen meinem Anfangsbuchstaben „Essie“ genannt. Und weil sie mich, glaube ich, so kennen gelernt hatte, ich wurde ihr so vorgestellt. Bei ihr habe ich mich seitdem dauernd beschwert, sie möge ihn doch bitte nicht mehr verwenden. Nicht etwa, weil ich ihr eine böse Absicht unterstelle, sondern weil es mich immer wieder an diese Abwertung erinnerte, sie mir jedes Mal wieder in den Kopf hämmerte.

Erst viel später habe ich ihr wieder die offizielle Erlaubnis gegeben, den Namen zu benutzen. Weil ich inzwischen wieder froh bin, damals anders drauf gewesen zu sein als meine Mitschülerinnen; andere Prioritäten gehabt zu haben. Und weil es einfach nicht mehr zutrifft. Wer mich heute kennt, würde gar nichts an mir männlich oder geschlechtsneutral finden.

Doch People of Color oder Sinti und Roma können nicht einfach ihr Aussehen oder ihre Herkunft ändern. Die herablassenden Begriffe behalten für sie ihre Gültigkeit. Daher sollten wir auf das hören, was sie selbst zu sagen haben und wie sich die einzelnen Bezeichnungen für sie anfühlen.

Ich schaffe es noch nicht immer, doch ich möchte mir so viel Mühe wie möglich geben, in meinen eigenen Texten auf zeitgemäße Sprache zu achten. Wer hier Experten oder gute Seiten kennt, kann sie gerne teilen. Vielen Dank!

Titelfoto: Matheus Viana von Pexels

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