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Der Coach, der übers Branding-Ziel hinausgeschossen ist

Ich möchte Dir heute von einem Persönlichkeits-Coach erzählen, an dessen Beispiel ich miterleben durfte, wie Branding, Verkauf und Networking NICHT funktionieren. Seine Methoden haben mich in die Flucht geschlagen. Dabei hatte er so gute Absichten …

Vor ein paar Jahren veröffentlichte ich als Musikbloggerin ein kleines, eher unspektakuläres Video auf Facebook. Da waren Videoclips, die direkt auf der Plattform hochgeladen wurden, gerade der heiße Sch**ß 😉
Daraufhin meldete sich ein Fan der gleichen Musik. Wir unterhielten uns über den Inhalt des Videos, also über News aus der Welt der Rockmusik. Da wir uns scheinbar gut verstanden, schrieben wir etwas länger. Der junge Mann, den ich jetzt mal Jonas nenne [Name geändert], erzählte mir irgendwann, was er an meinem Blog mochte und gab mir gleichzeitig Tipps für Verbesserungen. Ich freute mich natürlich darüber.
Am nächsten Tag zeigte mir Jonas, wer Gary Vaynerchuk ist …

…. und damit deutete sich schon die spätere Richtung unserer Gespräche an.

Gary hat durchaus Ahnung von seinem Fach, da möchte ich gar nichts dagegen sagen. Er ist selbst ein Beweis dafür, dass seine Optimierungstaktiken funktionieren.
Aber für meinen Geschmack ist er „too much“, zu amerikanisch. Bei „GaryVee“ gibt es nur Höher, Schneller, Weiter, um jeden Preis! Zum Beispiel sind die Captions unter seinen YouTube-Videos alle komplett in Großbuchstaben geschrieben. Alles ist Capital.

Zunächst fand ich das faszinierend; für ein paar Tage wirkten die aufputschenden Talks. Doch nach und nach fing der Putz an zu bröckeln.

Zuerst hatte ich keine Lust mehr auf weitere Gary-Videos und bevorzugte wieder die ruhigeren Experten auf dem Gebiet des Marketings. Dann kamen mir Zweifel an dem, was Jonas so tat und sagte.
Wie so viele junge, hoffnungsvolle Coaches hatte er ein motivierendes E-Book geschrieben. Ich habe es nie gelesen, da ich gar nicht auf der Suche nach so etwas war. Trotzdem erzählte er mir immer von Erfolg und von Zielen, und von wichtigen Entscheidungen, die mich voran bringen und so weiter.
Gleichzeitig befand Jonas sich selbst in einer schwierigen Situation. Genauere Erinnerungen fehlen mir, doch ich glaube, das Geld war knapp, die Wohnsituation war eine Zweck-WG mit einem älteren Mann und der Hauptjob eine ungelernte Aushilfsstelle. Aber das ist gut so, man muss sich ja auf das Wesentliche konzentrieren können.

Wir blieben weiterhin in Kontakt und ich schrieb in der Zeit meine Bachelorarbeit. Noch währenddessen war ich froh über den ein oder anderen motivierenden Spruch und über Jonas‘ reges Interesse. Ich konnte mich mit ihm austauschen!
Doch da wir uns gefühlt immer besser kennenlernten, wollte ich auch über andere Dinge reden. Die ganz simplen, privaten Momente. Zum Beispiel schrieb ich so etwas wie, dass ich mir gleich eine heiße Schokolade machen werde und dann später am Abend eine Freundin besuche.

Zurück kam: „Oh wirklich? Das finde ich sehr gut! Du tust deinem Körper etwas Gutes, gönnst ihm auch mal eine Pause. Und du betreibst viel Socializing. Intakte Freundschaften sind ja so wichtig für das eigene Wohlbefinden.“

Sinngemäß, den genauen Wortlaut habe ich nicht mehr vorliegen.

Ich wusste gar nicht, was ich darauf antworten sollte.
Beim Planen meines Abends hatte ich mir über solche Sachen doch gar keine Gedanken gemacht. Es sollte reine Freizeit sein, keine weitere Selbstoptimierung! Egal ob gewollt oder unbeabsichtigt.

cup-chocolate_erfolg

So zog es sich durch jede Unterhaltung. Ich dachte, wir hätten einen Punkt in unserem „Networking“ erreicht, an dem es nicht immer um Arbeit oder damit verbundene positive Mindsets gehen musste. Im Gegenteil, mir hätte es gut getan, davon nach Feierabend mal nichts mehr hören zu müssen.

Das sagte ich irgendwann ganz ehrlich und kurz darauf hatten wir keinen Kontakt mehr.

Jonas ist auch nicht mehr als Motivationscoach aktiv; jedenfalls nicht, dass ich davon noch etwas mitbekommen würde. Er hat sein Metier geändert.
Ob er noch Veganer ist? Das war er nämlich noch vor einiger Zeit – aber nicht den Tieren zuliebe, sondern um sich, seinen Körper und all seine Gedanken zu optimieren …

Gibt es eine Moral in der Geschichte? Immerhin hat mir Jonas durchaus den ein oder anderen guten Anstoß gegeben. Zum Beispiel hat er mich dazu inspiriert, bei Studio71 meine Bachelorarbeit zu schreiben. Das war eine gute Entscheidung. Doch dabei hätte es bleiben können.
Leider hat er es übertrieben und sein berufliches Branding als Motivator nie ablegen können, ganz egal, wie lang man sich kannte.

Wenn Du beim Netzwerken also jemanden privater kennenlernst, dann vergiss auch mal die Arbeit und all die Sales Funnels und die New Work Achtsamkeit. Nutze lieber die Chance, einen echten, verlässlichen Freund zu finden.
Menschen wollen heute mehr denn je von Menschen kaufen oder beraten werden. Und ein vollständiger Mensch ist nun mal nicht nur seine klar erfassbare Brand mit immer steigender Performance.

Das sollten wir trotz all des Erfolgsdranges niemals vergessen.


Foto 1: Bild von Free-Photos auf Pixabay
Foto 2: Bild von Edda Klepp auf Pixabay

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